Forschungsprofil | Research Areas

Die Kirche: Glaubensgemeinschaft in Rechtsgestalt in der Welt von heute |
The Church: A Religious Community in a Legal Shape in the Modern World

Religiös inspiriertes Recht bildet in modernen pluralen und säkularen Gesellschaften ein Ausnahmephänomen. Da das staatliche Recht – auch für die Kirchenglieder – die primäre Referenzgröße des Rechtserlebens darstellt, wird religiöses Recht wie das Kirchenrecht zunehmend als erklärungsbedürftig empfunden. Dies stellt die Kommunikation zwischen Kirche und Gesellschaft vor Herausforderungen. Binnenkirchlich steht die kirchenintegrierende Funktion des Rechts auf dem Spiel. Der gegenwärtigen Kanonistik stellt sich vor diesem Hintergrund die Aufgabe, Ähnlichkeiten und Unterschiede religiösen und staatlichen Rechts rechtsvergleichend zu erschließen: Sie hat eine Rechtsbegründung zu entwickeln, die unter Wahrung der Eigenart des kirchlichen Rechts zur Fundamentierung einer zeitgemäßen Rechtsordnung taugt; sie hat die Regelungsmaterien des kirchlichen Rechts – nicht zuletzt die in der Schnittmenge von kirchlicher und staatlicher Zuständigkeit – kritisch in den Blick zu nehmen und auf ihre Belastbarkeit hin zu befragen; und sie untersucht die kirchliche Rechtspraxis, vor allem insoweit diese die Aufgabe übernimmt, zwischen der kirchenrechtlichen Sinnwelt und dem gesellschaftlichen Rechtsverständnis zu vermitteln.

Diese Schwerpunktsetzung wird in fünf Themenclustern entfaltet.

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In the pluralistic and secular societies of modernity, religiously inspired law is an atypical phenomenon. As the legal experience of most people – including Catholics – is primarily shaped by the law and the legal cultures of states, religious law is increasingly having to explain and justify itself. Communication between the Church and society as well as between the Church and its members – who are simultaneously members of the pluralistic society – is being radically challenged in modernity, especially when it comes to normative questions. Inside the Church, therefore, the integrative function of law is being endangered. To analyse these phenomena, the foundation of Canon Law requires closer examination, as do single legal matters in the intersection of religious and state law. Of central importance for understanding the conflicts between religious and secular normative orders is the comparatist perspective, which takes into account how other legally organized religions accept the challenge of dealing with modernity. Special attention must be paid to the Church’s legal practice, insofar as an intermediation between the ecclesial understanding of law and society’s legal conceptions takes place, particularly in the field of legal application.

In my research, these questions are developed into five thematic strands.


1. Kirchenrechtsbegründung und Theologie des Kirchenrechts | Foundation and Theology of Canon Law

Auf der Ebene von Rechtstheorie und Rechtsbegründung stellen sich aufgrund der Spannung zwischen kirchlicher und gesellschaftlicher Ordnung Anfragen an die Geltung und Wirkung kirchlichen Rechts, die es rechtstheoretisch zu erforschen gilt. Will sich die Kirche in die Gesellschaft hinein vermitteln und für diese Gesprächspartnerin bleiben, ist es notwendig, in normativen Fragen Begründungskonzepte auszuweisen, die an säkulare Begründungslogiken anschlussfähig sind. Dies ist auch binnenkirchlich eine Voraussetzung, um die rechtliche Kommunikationsfähigkeit zwischen Kirchenleitung und Kirchengliedern zu erhalten, insoweit die demokratisch sozialisierten Adressatinnen und Adressaten des kirchlichen Rechts, die mit den Geltungslogiken einer säkularen und pluralen Rechtskultur vertraut sind, sich auf die herkömmlichen kirchenrechtlichen Begründungskonzepte nicht mehr fraglos einlassen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich nur solche Ansätze als adäquat erweisen können, die das religiöse Proprium der kirchlichen Rechtsordnung zu integrieren vermögen. Hier ist nicht nur mitzubedenken, wie nach kirchlichem Selbstverständnis unaufgebbare Überzeugungen geltungstheoretisch geschützt werden können, sondern zugleich die Perspektive einer Rechtstheologie in den Blick zu nehmen, die die Leistungsfähigkeit des Rechts als Medium ausweist, das die Verbindlichkeit in der Beziehung von Gott und Mensch auszudrücken vermag.

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With regard to legal foundation, the tension between the normative orders of Church and State raises questions concerning the effectiveness and validity of Canon Law. Any Church which as a legal institution wants to be a respected dialogue partner of other agents of society, has to develop a foundational concept of law that correlates with the approaches of secular legal foundation. This is also vital with regard to legal communications between the Church hierarchy and the Church members, insofar as the addressees of Canon Law that are familiar with democratically grounded law and a secular and pluralistic legal culture and its validity arguments no longer unquestioningly accept premodern validity reasoning. Yet it has to be taken into account that the Church may only accept foundational conceptions that safeguard the religious characteristics of the Church’s legal order. A modern validity theory of Canon Law, which integrates theological ideas to protect common religious convictions, occupies a position close to a legal theology which provides theological discourses with the concept of law as a medium for describing the binding forces within the relationship between God and humankind.


2. Die Kirche: Rechtsgemeinschaft im öffentlichen Fokus | The Church: A Legal Community of Public Interest

Aufgrund ihrer Rechtsgestalt organisiert sich Kirche durch rechtliche Kommunikationen. Doch entsteht die kirchliche Realität nicht allein hierdurch; vielmehr ist Kirche auf die Wirklichkeitsproduktivität ihrer Mitglieder und der Gesellschaft angewiesen – und damit vielfach von dem in der Öffentlichkeit verbreiteten Kirchenbild abhängig. Hierdurch geraten beispielsweise die Massenmedien als Instrumente der gesellschaftlichen Realitätserzeugung in das Blickfeld der Kanonistik. Als eine Institution, die die Weitergabe des Glaubens als ihre Sendung und wesenhafte Grundfunktion versteht, hat die Kirche ein vitales Interesse daran, auf die mediale Wirklichkeitsgestaltung Einfluss zu nehmen. Voraussetzung hierfür ist die Kenntnis des medial vermittelten Kirchenbildes und ein Verständnis dafür, welche Faktoren seine Entstehung bedingen. Mithilfe medienanalytischer Verfahren lässt sich erheben, inwieweit Kirche in ihrer Rechtsgestalt zum Thema der Medienberichterstattung wird, und nach Gründen forschen, die Inhalt und Tenor der Berichte bestimmen.

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Being a legally structured entity, the Church is organized by legal communications. The ecclesial reality, however, is not shaped by this alone; the Church depends on its members and society as interpreters and producers of ecclesial reality. This is the reason why for example the mass media – as instruments of society’s construction of reality – are also of interest for canonists. Being an institution that understands its mission in passing on the Good News as its fundamental and essential function, the Church is vitally dependent on involving itself in the construction processes of the media that create modern reality. In any case, to achieve this, the Church must first know more about its role in the media and to understand the dynamics that create its image. With the help of media analysis, it is possible to show how the Church as a religious community with a legal shape is covered by the media, and which reasons determine the content and tenor of the coverage.


3. Das richterliche Amt in der Kirche | Ecclesial Judicature and the Office of the Judge

Mit dem weltlichen Recht teilt die kirchliche Rechtsordnung den Richterbegriff und die Funktion der Rechtsprechung. Aufgrund seiner theologischen Begründung ist das richterliche Amt in der Kirche jedoch ein kirchliches Proprium, das sich gegenüber seinem säkularen Pendant abgrenzt. Ihm liegt eine kircheneigene Richtertheorie und -theologie zugrunde, die sein spezifisches Profil bedingt. Die so begründete Richterkonzeption lässt sich in der Geschichte wie in der Gegenwart der kirchlichen Rechtsordnung nachweisen. Methodisch erfassen lässt sie sich vor allem im Zuge der Rechtsvergleichung – in zweifacher Hinsicht: durch Vergleich mit dem Amtsverständnis der Rechtsgeschichte wird der Zuschnitt der richterlichen Tätigkeit im geltenden Recht begründet profiliert; durch Abgleich mit der Richterkonzeption im staatlichen Recht, wie sie sich dem weltlichen Prozess- und Gerichtsverfassungsrecht entnehmen lässt, tritt die theologische Eigennatur des kirchlichen Richterdienstes zu Tage.

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As with secular law, the Church engages in the field of judicature and appoints its own judges to administer its law. As the offices in the Church are theologically grounded, the office of the ecclesiastical judge is an ecclesial particularity which is distinct from its secular counterpart. It is based on its own judicial theory and theology which shapes its profile, as can be seen with regard to the legal history of the Church as well as to applicable Canon Law. To better understand the peculiarity of the ecclesial office of the judge, two perspectives are helpful: one can best understand the genetic shape of the office of the judge in applicable Canon Law when it is examined in the context of the history of Canon Law. Comparing it with the conception of the judge in secular law, as modelled by procedural law and the courts constitution acts of the state, the specific theological connotation of the ecclesial office becomes visible.


4. Kirchliches Arbeitsrecht | Ecclesial Labour Law

In kaum einem Feld des Staatskirchenrechts erweist sich die Anschlussfähigkeit von kirchlichem und staatlichem Recht als so bedeutsam wie im kirchlichen Arbeitsrecht, in dem kirchliche und staatliche Ordnungsansprüche zu einer Rechtsmaterie mit Relevanz für eine Vielzahl kirchlicher Beschäftigter zusammenwachsen. Das kirchliche Arbeitsrecht repräsentiert in diesem Sinne in nuce das Staat-Kirche-Verhältnis in Deutschland und ist als Erprobungsfeld dieser Verhältnisgestaltung zu erfassen.

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With regard to the relation between Church and State in Germany, there is hardly a legal matter which reveals more about the status of this complex relationship than the development of ecclesial labour law – a matter in which the ecclesial and the statal claims regulating a legal matter with major relevance for a large number of ecclesial employees overlap. Thus, in a nutshell, the labour law of the Church in Germany represents the evolving relation between Church and State and can be taken as a test case of its development.

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5. Recht und Geschlecht | Law and Gender

In der Debatte um die Zukunft der Kirche steht mit der Frage nach einer stärkeren Laienbeteiligung an kirchenamtlichen Entscheidungen sowie der amtlichen Einbindung von Laiinnen und Laien in kirchliche Leitungsstrukturen zugleich die Geschlechterfrage im Raum. Um diesbezügliche Reformanstöße weiterzutreiben, sind zwei Vorklärungen notwendig, die die Kirchenrechtswissenschaft zu leisten hat. Zum einen ist vor dem Hintergrund der ekklesiologisch begründeten Organisationsstruktur der Kirche in rechtlicher Hinsicht auszuloten, welche Kirchendienste und ämter grundsätzlich von Laiinnen und Laien übernommen werden können. Hier ist in der kanonistischen Forschung die Frage der kirchlichen Gewaltentheorie weiterzudenken. Zum anderen ist der rechtssoziologisch geschulte Blick auf die Dienste zu lenken, die Laiinnen und Laien bereits tun – und in besonderer Weise auf die Funktionen, die sie (trotz Ermangelung einer endgültigen Klärung der kirchlichen Gewaltenfrage) durch Übernahme von Leitungsverantwortung ausfüllen. Hierbei ist zugleich der von Georg Jellinek geprägten These von der „normativen Kraft des Faktischen“ (Allgemeine Staatslehre, 3. Aufl., Berlin 1914, 338) nachzugehen und die rechtstheoretische und methodologische Frage zu stellen, welchen Wert Faktizität in einer glaubensbegründeten Rechtsordnung zu haben vermag und wie sie sich zur Geltung verhält.

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In the discourses about the future of the Church, the gender issue is a key problem. It is for example being debated in the context of how to integrate the laity into ecclesial decision making and into ecclesiastical offices that are endowed with the power of jurisdiction. Academically, the matter has to be dealt with on two levels: First, with regard to a theory and a theology of office, there needs to be a systematic examination of the offices and duties which might be generally opened up for the laity and, thus, for women in the Church. This requires, once again, taking up the loose ends and open questions of ecclesial power theory. Secondly, from the point of legal sociology, the offices, duties and tasks already fulfilled by the laity are of special interest – particularly when taking into account Georg Jellinek’s idea of the “normative force of the factual” (Allgemeine Staatslehre, 3rd edn, Berlin 1914, 338). Theoretically as well as methodologically, this opens up the fundamental question of how to determine the relation between facts and norms in the Church.